Verdorrter „Garten Europa“ – In der EU grassiert die Armut

18 Sep. 2023 09:16 Uhr

Eigentlich sollte die Europäische Union den Wohlstand ihrer Bürger fördern. Nur ist davon heute nichts mehr zu sehen. Das Leben der großen Masse wird prekärer, die Armut grassiert. Welche Rolle spielt die EU bei dieser Entwicklung?

Verdorrter "Garten Europa" – In der EU grassiert die Armut
Immer mehr, immer mehr, immer mehr: Obdachlosenquartier in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs im April 2023

Von Pierre Lévy

Eine Studie folgt der anderen. Sie ähneln sich alle und bestätigen den unaufhaltsamen Anstieg von Prekarität und Armut. Dies gilt für die Länder der Europäischen Union (die doch schon 1958 in den Römischen Verträgen versprachen, Wohlstand und Wohlergehen zu sichern …). Die reichsten Mitgliedstaaten, darunter Frankreich, sind keineswegs verschont geblieben.

Dies hat eine Umfrage ergeben, die vom SPF, einer der größten französischen Wohltätigkeitsorganisationen, in Zusammenarbeit mit dem Meinungsforschungsinstitut Ipsos kürzlich in zehn europäischen Ländern (davon sieben in der EU) durchgeführt wurde.

Analyse

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Mehrere Zahlen veranschaulichen diese Feststellung auf erschreckende Weise. So geben 29 Prozent der Befragten an, dass sie sich dauerhaft in einer prekären Situation befinden. Und mehr als jeder Zweite (51 Prozent) musste in den letzten sechs Monaten in mindestens einem lebenswichtigen Bereich verzichten: Gesundheit, Ernährung, Heizung. Insbesondere gaben für alle zehn Länder zusammengenommen 37 Prozent der Befragten an, auf bestimmte medizinische Behandlungen verzichtet zu haben. Frankreich und Italien liegen genau auf diesem Niveau.

Die gleiche Zahl (36 Prozent) entfällt auf Personen, die auf wesentliche Dinge für ihre Kinder verzichten, wie z. B. Arztbesuche, Schulgebühren, Kleidung oder sogar Mahlzeiten.

Wenig überraschend ist Griechenland eines der Länder, denen es am schlechtesten geht. Seit der Krise 2008 wurden dem Land von den europäischen Oberhäuptern erhebliche Opfer – bei Löhnen, Renten, im öffentlichen Dienst usw. – auferlegt. Die „Troika“ – bestehend aus der Europäischen Kommission, der Europäischen Zentralbank und dem Internationalen Währungsfonds – war damals für die Ausarbeitung der aufeinanderfolgenden Sparpläne und deren Umsetzung durch die nationale Regierung verantwortlich gewesen, die seinerzeit von Alexis Tsipras geführt worden war. Dieser, obwohl als „radikaler Linker“ eingestuft, hatte es vorgezogen, sich dem Diktat zu unterwerfen – trotz eines massiven Neins im Referendum im Juli 2015 –, damit das Land in der Eurozone bleiben konnte.

Auch heute noch, neben den Opfern in den wesentlichen Lebensbereichen, geben 60 Prozent der Befragten in Griechenland zu, dass sie sich an Verwandte wenden, um sich Geld zu leihen oder schenken zu lassen. Und 75 Prozent geben an, dass sie sich bei ihren Transportbedürfnissen einschränken.

Die Heimat von Sokrates war eines der ersten Länder, in denen die Mittelschicht von Entbehrungen betroffen war. Dieses Phänomen breitet sich mittlerweile in ganz Europa aus, heißt es in der SPF-Studie. Und auch Frankreich bleibt nicht verschont. So behaupten 58 Prozent der befragten Franzosen, dass sie befürchten, in absehbarer Zeit in prekäre Verhältnisse zu geraten. Und 45 Prozent sehen sich in Schwierigkeiten, medizinische Behandlungen zu bezahlen. Schließlich können sich 32 Prozent keine gesunden Lebensmittel in ausreichender Menge für drei Mahlzeiten am Tag leisten. Fleisch ist der größte Posten, der geopfert wird, aber auch der Kauf von frischem Obst und Gemüse ist schwer betroffen.

Und all diese Indikatoren haben sich seit der letzten Erhebung verschlechtert. Dies ist natürlich keine Überraschung angesichts der galoppierenden Inflation der letzten 18 Monate, einer Inflation, die alle Länder der Eurozone trifft. In ihrer Rede am 13. September versuchte die Präsidentin der Europäischen Kommission zu betonen, dass sich die Inflation seit dem Höhepunkt im Oktober 2022, als sie 10,6 Prozent erreicht hatte, verlangsamt habe. In Wirklichkeit betrug die Quote im August 2023 immer noch 5,3 Prozent und lag damit weit vor den Lohn- und Rentenerhöhungen.

In einigen Ländern sind es die Gesundheitsausgaben, die die privaten Haushaltsbudgets am stärksten belasteten, in anderen die Energiepreise. In Frankreich waren die Lebensmittelpreise 2022 im Vergleich zu 2021 um 22 Prozent in die Höhe geschnellt. Dieses jährliche Tempo dürfte sich laut Prognosen für diesen Sektor für 2023 auf plus 11,8 Prozent belaufen.

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Analyse

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Natürlich hat die Europäische Union keine Ausschließlichkeit in Bezug auf Armut und prekäre Lebensverhältnisse. Diese richten auf allen Kontinenten verheerende Schäden an. Aber einerseits sollte die EU die Bürger vor der Härte der Globalisierung „schützen“. „Vereint sind wir stärker und wohlhabender“ bleibt einer der beliebtesten Slogans der Befürworter der europäischen Integration.

Andererseits und insbesondere tragen die Grundsätze und die Politik der EU, die ihre DNA ausmachen, massiv zur Verarmung der Völker bei, angefangen beim freien Kapitalverkehr und der Unterstützung des Prinzips des globalen Wettbewerbs.

Darüber hinaus besteht die Brüsseler Wirtschafts-„Governance“ aus Regeln und Mechanismen, die darauf abzielen, Sparmaßnahmen zu erzwingen – und das nicht nur für die Griechen. Der Stabilitätspakt – dessen Zweck es ist, das Überleben des Euro zu sichern – ist das bekannteste Instrument. Er wurde nach dem Post-COVID-Wirtschaftsdebakel vorläufig ausgesetzt und soll in den nächsten Monaten wieder in Kraft treten. Die Diskussionen über eine Reform, die ihn theoretisch flexibler machen sollte, kommen nur schleppend voran. Selbst wenn sie zu einem Ergebnis führen, besteht keine Chance, dass dies in Richtung einer Belebung der Kaufkraft der Haushalte geht.

Die privaten Haushalte, angefangen bei denen am unteren Ende der Skala, sind also noch nicht am Ende ihrer Bemühungen angelangt. Sie können sich aber immer damit trösten, die Großzügigkeit der EU in einem bestimmten Bereich zu betrachten: der Unterstützung für die Ukraine.

Seit dem Ausbruch des Krieges haben die EU und ihre Mitgliedsstaaten insgesamt mehr als 77 Milliarden Euro an Hilfsgeldern gezahlt. Eine pharaonische Summe, die makroökonomische, humanitäre und militärische finanzielle Unterstützung umfasst. Für den ersten Posten hat die Kommission im Juni ein neues Manna von 50 Milliarden für den Zeitraum 2024–2027 vorgeschlagen.

Die militärische Unterstützung für Kiew hat sich seit Februar 2022 bereits auf 5,6 Milliarden Euro summiert. Hinzu kommen mindestens zehn Milliarden Euro an direkten Waffenlieferungen aus den einzelnen Mitgliedstaaten auf bilateraler Basis. Und hierbei handelt es sich nur um offizielle Zahlen.

Wer sagt, dass die EU nur Sparmaßnahmen durchführt?

Eurozone ist „sicher gelandet“ – in der Rezession

https://de.rt.com/europa/180983-verdorrter-garten-europa-in-eu/

Britische Wirtschaft auf Talfahrt

14 Sep. 2023 09:42 Uhr

Im Juli ist das britische BIP zumindest für staats- und EU-nahe Akteure „überraschend stark“ um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat gesunken. Angeblich spielte das schlechte Wetter dabei eine entscheidende Rolle – die rosa Elefanten im Raum werden dabei geflissentlich übersehen.

"Überraschend" und wegen "schlechten Wetters"? – Britische Wirtschaft auf Talfahrt
London bei Regen, 8. August 2023 (Symbolbild)

von Kaspar Sachse

Laut einem Bericht des Handelsblatts vom Mittwoch haben „Ungewöhnlich viel Regen und Streiks“ der britischen Wirtschaft einen „überraschend schlechten Start in die zweite Jahreshälfte eingebrockt“. Demnach sank das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Juli um 0,5 Prozent im Vergleich zum Vormonat, wie das Statistikamt ONS am Mittwoch mitteilte. Das sei der größte Rückgang seit Jahresbeginn.

Für die größte deutsche Wirtschaftszeitung kommt das „überraschend“, denn „von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Experten hatten lediglich mit einem Minus von 0,2 Prozent gerechnet.“

Doch alle wichtigen Wirtschaftssektoren – von der Industrie über das Baugewerbe bis hin zu den Dienstleistern – befinden sich in der Rezession. Verantwortlich dafür, und sehr ungewöhnlich für die britischen Inseln, sei das schlechte Wetter:

„Zudem habe ungewöhnlich viel Regen einen Einbruch des Konsums verursacht und die Baubranche belastet.“

Regierung unter Druck: Britische Inflationsrate weiter bei fast neun Prozent

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Großbritannien ist seit Beginn des Ukraine-Krieges einer der Staaten, die am stärksten nach antirussischen Sanktionen und ukrainischen Waffenlieferungen schreien. Seitdem galoppiert die Inflation davon. Von den G7-Staaten ist nur die bundesdeutsche Wirtschaft im Moment noch schlechter dran. 

Steigende Zinsen und steigende Lebenshaltungskosten haben sich negativ auf die britischen Haushalte ausgewirkt und Millionen von Bürger gezwungen, ihre Ausgaben zu senken. Unterdessen hatte die Bank of England – selbst nicht unwesentlich für die ökonomische Misere durch maßloses Gelddrucken verantwortlich – Anfang des Jahres gewarnt, dass britische Haushalte und Unternehmen erkennen müssen, dass sie ärmer geworden seien, und aufhören müssten, Lohnerhöhungen zu fordern.

Wie viele andere europäische Staaten hat sich auch Großbritannien infolge der „Corona-Krise“ massiv verschuldet – allein im Jahr 2021 betrug die Staatsverschuldung 106 Prozent des BIP. Dies führte zu einer massiven Abwertung des englischen Pfunds gegenüber dem US-Dollar seit der Finanzkrise 2007/08. Hinzu kommen eine katastrophale Gesundheitspolitik und immer wieder aufbrechende Konflikte zwischen Zuwanderern, beispielsweise zwischen Moslems und Hindus. 

Migration: Noch nie zogen so viele Menschen nach Großbritannien

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Ähnlich wie die Bundesrepublik zeichnet sich die britische Wirtschaft beziehungsweise Politik in den letzten Jahren durch Deindustrialisierung, erhöhte Staatsquoten (besonders beim Thema Aufrüstung) und die Zerstörung des Mittelstandes zugunsten internationaler Konzerne aus. Britische EU-Freunde und Brexit-Gegner verweisen dagegen auf die enormen Kosten der Trennung von Brüssel. Mittel- und langfristig dürfte sich das allerdings bezahlt machen, denn die EU ist wirtschaftlich und politisch auf dem absteigenden Ast und die Briten werden sich noch freuen, das sinkende Schiff rechtzeitig verlassen zu haben, da ihnen vermeintliche Segnungen wie der Green Deal 2030 oder der digitale Euro nun erspart bleiben.

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