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17 Aug. 2024
Teil 1: Undankbarer Job des Oberst Collatz
Obwohl das Verteidigungsministerium die umstrittenen „ergänzenden Hinweise“ zur Traditionspflege der Bundeswehr vom 12. Juli zurücknahm, ändert diese Korrektur nichts an der Wirklichkeit der engen Verbindung der Bundeswehr zur Wehrmacht. Historiker Stefan Bollinger beleuchtet in seinem Zweiteiler die Nazi-Kontinuitäten in der Militärgeschichte der Bundesrepublik.

Von Stefan Bollinger
Es gibt wirklich Bullshit-Jobs, auch den des stellvertretenden Ministeriumssprechers Oberst im Generalstab Arne Collatz für das Bundesverteidigungsministerium. An einem Montag konnte er noch erklären, wie militärische Exzellenz, auch in der Wehrmacht erworben, bei späterer guter demokratischer Gesinnung Traditionen der Bundeswehr begründen kann. Ein Papier aus seinem Hause, die „Weisung zur Herausgabe der ergänzenden Hinweise zu den Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege der Bundeswehr“ vom 12. Juli 2024, sollte das Image der Truppe in der Zeitenwende aufpolieren und zeigen, wessen Geistes Kind die Truppe dank gepflegter Kriegstraditionen sein kann. Von kriegserfahrenen deutschen Militärs aufgebaut, sollte die Truppe schon in Zeiten ihrer Gründung „kriegstüchtig“ sein. Mit solchen Lehrern als Vorbild damals kein Problem, nun aber in den neuen Zeiten sollen sie wieder dafür herhalten, Deutschland und seine Armee auf einen künftigen Krieg vorzubereiten.
Helden zum Nachahmen – Bundeswehr würdigt „tapfere“ Wehrmacht-Offiziere als Vorbild
Da zählt jeder „gute“ Name. Denn „entscheidend für die Traditionswürdigkeit von Soldaten der Gründergeneration der Bundeswehr ist das Ergebnis eines sorgfältigen Abwägens zwischen etwaiger persönlicher Schuld und individueller Leistung, die sinnstiftend in die Gegenwart wirkt“. Die Autoren haben genau hingeschaut, echte Kriegsverbrecher finden sich in der Liste der Vorbilder wohl nicht, nur fleißige Mitläufer, militärische Aktivisten, treue Befehlsempfänger, im Zweifelsfall bis zum letzten Kriegstag oder auch darüber hinaus.
Das Tolle ist, dass diese Militärs – und viele ihrer nicht genannten und gewürdigten wohl 40.000 Kameraden aus der Ersteinstellung in die neue Bundeswehr offiziell ab 1956 – nur den Dienstherren wechseln mussten und ihre geistige Formierung den neuen Regeln anpassen mussten.
Die Bundesrepublik blieb der würdige Fortsetzer jenes Kapitalismus, der den Faschismus möglich machte. Die deutsche Wirtschaft, einschließlich der Rüstungsindustrie, blieb bei einigen kosmetischen Korrekturen in den bewährten Händen von Kapitalisten und Managern. Rassismus und nationaler Überheblichkeit mussten nun partiell abgeschworen, die bundesdeutsche Demokratie und ihr US-Vorbild gelobt werden. Das war einfach: In der alt-neuen Deutschen (Teil-)Republik hatte sich wenig geändert, und für Militärs mit den Erfahrungen des letzten Krieges ideal: Der Hauptfeind blieb – die Sowjetunion mit ihren neuen Verbündeten, einschließlich der abtrünnigen „DDRler“, vor allem der strikte Antikommunismus. Und ein wenig Nationalismus und Rassismus durften bleiben, wenn es gegen die „Sowjets“, die Russen und die ganzen anderen seltsamen Völker im Osten ging. Und wenn die Verbundenheit mit den Rassisten aus Portugal oder Südafrika etwa im südlichen Afrika in ihrer Kolonial- und Apartheid-Politik gepflegt wurde, dann durfte es noch ein Stückchen mehr an Überheblichkeit sein.
Was zählt, ist Kriegserfahrung und Treue zur Sache
Da scherte es wenig, dass ein Konteradmiral Erich Topp, Ritterkreuzträger sowie NSDAP- und SS-Mitglied, zu diesen alten Kämpfern zählt, da er sich ja in der Nachkriegszeit kritisch mit seiner Vita auseinandergesetzt habe. Es muss ja nicht erwähnt werden, dass sich noch in den 1960er Jahren der NATO-Verbündete Norwegen verbat, dass der U-Boot-Kommandant, auf dessen Blutkonto auch norwegische Frachter gingen, nun ihr zuständiger NATO-Befehlshaber werden sollte. Und Bonn nahm Rücksicht.
Analyse
Bundeswehr: Kriegstüchtig ohne Wehrmachts-Pantheon?
Da wird nicht hinterfragt, warum Brigadegeneral Wolfgang Schall erst 1955, also offensichtlich im Zuge des Adenauer-Deals zur Freilassung von als Kriegsverbrechern separierten deutschen Militärs, in die westliche Freiheit kam und alsbald wieder den Waffenrock anziehen konnte. Die „Weisung“ sieht ihn als einen Akteur, der sich mit „Fragen der Menschenführung“ auseinandersetzte. Er beglückte seine Kameraden mit dem Entwurf einer Dienstvorschrift „Geistige Rüstung“, die allerdings mehr erschreckte als aufbaute. Und die Mitarbeit an der aus damaliger Sicht reaktionären Schnez-Studie zur Festigung des „Wehrwillens“ gegen die demokratischen Anwandlungen der Studentenbewegung und der sozialliberalen Regierung war gut für den reaktionären Geist im Offizierskorps, aber ging weit an den gesellschaftlichen Realitäten der beginnenden 1970er Jahre vorbei. Immerhin, Schall, alsbald CDU-Politiker, hatte sich seinen Ruf als „Kalter Krieger“, der hinter jedem „Andersdenkenden“ ein „rotes Trojanisches Pferd“ vermutete, verdient. Damals war so viel Eifer aber noch der Karriere schädlich.
Die Autoren der „Weisung“ hatten ihr Bestes getan, was die Suche nach Vorbildern betraf, aber das Schlechteste, was ihre derzeitige Vermarktung gegenüber Feind und Freund betrifft. Schon der vergleichbar bescheidene Gegenwind ließ das Bundesverteidigungsministerium zurückrudern. Offenbar war und ist die Zeit trotz der Tag für Tag beschworenen „russischen Gefahr“ und dem Erstarken rechtsnationalistischer und faschistoider Kreise im Land noch nicht reif.
Denn schon zwei Tage nach der erwähnten Regierungspressekonferenz musste Oberst i.G. Collatz kleinlaut eingestehen, dass die Weisung „vom Markt“ genommen würde, weil sie Zweifel an der Umsetzung des demokratischen Wertekanons auslösen könnte. „Es muss immer klar sein, dass die Tradition der Bundeswehr, der Kern der Erinnerungskultur der Bundeswehr, Bestandteil des werteorientierten Selbstverständnisses und damit auch unserer Unternehmenskultur, wenn man das so sagen möchte, ist und letztlich ihre Verankerung in der Gesellschaft festigt.“
Meinung
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Nun ja, die beiden genannten Beispiele Topp und Schall belegen dies ja schon in einem breiten Spektrum. Ein einst strammer Nazi wird Chef des Führungsstabes der Marine und stellvertretender Inspekteur der Marine, ein potenzieller Kriegsverbrecher darf sich an der „inneren Führung“ versuchen. Die antikommunistische und antisowjetische Stoßrichtung beider und ihrer anderen über 40 genannten Kameraden kann es nicht gewesen sein. Aber dass die taz ebenso wie das russische Außenamt oder RT DE schon frühzeitig die Fragwürdigkeit dieser Ergänzung öffentlich gemacht haben, zeigt die Schwierigkeiten.
Traditionserlasse und politisch-militärische Kontinuitäten
Nüchtern ist zu erinnern, dass eine Korrektur von Öffentlichkeitsarbeit, wie die Rücknahme des Erlasses, nichts an der Wirklichkeit einst und jetzt ändert. Heute ist mit der vom Kanzler verkündeten Zeitenwende klar: Es geht um die Vorbereitung auf einen Krieg, und für den gibt es nur einen (wenn wir China einmal außen vor lassen, da sollen sich Bundesmarine und Bundesluftwaffe kümmern) Feind, der seit 1914 immer der gleiche war: das Russische Imperium, die Sowjetunion, die Russländische Föderation.
Und das wussten die Gründungsväter der Bundeswehr auf der Bonner Hardthöhe und im Washingtoner Pentagon auch schon in den 40er/50er Jahren des 20. Jahrhunderts: Kriegserfahrung, erst recht Erfahrung auf dem sowjetischen Kriegsschauplatz von Belorussland, dem Baltikum, der Ukraine, der Krim und dem Kaukasus, war hilfreich. Dass dieser Krieg vom ersten Tag verbrecherisch geführt wurde, dass Kommissar-Befehl, Judenmord, Jagd auf Sinti und Roma, das Aushungern Leningrads, die „Taktik der verbrannten Erde“ dazugehörten, mochte spät manche der Männer des 20. Juli bewegt haben, bei allen anderen mussten nur „persönliche Schuld und individuelle Leistung“ und militärische Eignung abgewogen werden.
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Und das funktionierte glänzend, die BRD bekam ihre durchaus schlagkräftige Bundeswehr. Aber der Oberst und sein veranlassender Generalleutnant Rohrschneider müssen sich nicht grämen. Bundeswehr, Tradition und Wehrmacht sind Dinge, die garantieren, dass die Verantwortlichen in historische Fettnäpfchen treten werden, dass die einstigen westlichen Kriegsalliierten aufhorchen und die noch in Deutschland vorhandenen, nicht geschichtsvergessenen und antifaschistisch eingestellten Kräfte Alarm schlagen können.
Seit 1965 gab es immer wieder Versuche, die Traditionsfrage in den Bundeswehr-Griff zu bekommen. Seitdem gibt es „Traditionserlasse“, die dem Charakter nach Dienstvorschriften, also für den Soldaten verbindliche Gesetze, darstellen. Bundesverteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel, CDU, hatte 1965 erstmals versucht, solche Pflöcke einzuschlagen, übersah aber, dass es wohl hilfreich wäre, genauer nach Chancen und Risiken des Verankerns in der Geschichte abzuwägen.
Denn zu dieser Zeit endete die Bonner Restaurationszeit, die großzügig und blind über die Verbrechen der Nazi-Zeit und ihre Täter hinweggegangen war. Der Auschwitz-Prozess erschütterte Teile der Öffentlichkeit, die DDR wühlte in der westdeutschen faschistischen Suppe mit ihrem „Braunbuch Kriegs- und Naziverbrecher in der Bundesrepublik und in Westberlin“ (Berlin 1965) und anderen Enthüllungen. Wer es wissen wollte – und es nicht als kommunistische Propaganda abtat –, konnte lesen: Der Bonner Staat war den Alliierten und dem großzügigen Wiedereinsatz der braunen Eliten im feinen Beamtenzwirn, unter den Richtertalaren und im grauen Waffenrock geschuldet.
Immerhin konstatiert der damalige Erlass: „In der Geschichte nehmen alle Menschen teil an Glück und Verdienst wie an Verhängnis und Schuld. Diese Einsicht schützt vor einfältiger Bewunderung ebenso wie vor blinder Verkennung. Sie öffnet die Augen für den Reichtum der Tradition, macht tolerant, bescheiden und zugleich mutig, selber Tradition zu bilden.“ Eine solche Sicht solle – als sehr indirekte Anspielung auf die Zeit des Faschismus – überhöhten Nationalismus und Gehorsam ausschließen und die Freiheit des Soldaten, gegen Willkür und Terror Widerstand zu leisten, hervorheben. „Der Bruch des Eides durch den Dienstherrn rechtfertigt Widerstand aus Verantwortung. Widerstand kann und darf jedoch nicht zum Prinzip werden.“ Letztlich werden damit die Attentäter des 20. Juli 1944 zum positiven Bezug der Bundeswehr. Dass die Wehrmacht 1945 zwar nicht zur „verbrecherischen Organisation“ wie die SS erklärt wurde, sondern nur verboten wurde, bewegte wenig. Das Stichwort „Wehrmacht“ scheint bei einer nicht offiziellen, aber offensichtlich tolerierbaren und anempfohlenen Traditionsarbeit der Truppe möglich zu sein.
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In einer neuen Regierungskonstellation der noch sozialliberalen Koalition und nach den aufrührenden Jahren der Studentenbewegung lässt Georg Leber als SPD-Verteidigungsminister noch einmal nachschärfen, aber lässt mehr als Hintertürchen offen: „Die Geschichte deutscher Streitkräfte hat sich nicht ohne tiefe Einbrüche entwickelt. In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos missbraucht. Ein Unrechtsregime, wie das Dritte Reich, kann Tradition nicht begründen.“
Der gerade auf ihrem Höhepunkt befindlichen Friedensbewegung gegen den NATO-Nachrüstungsbeschluss genügt das nicht. Noch ist auch allen die Rudel-Affäre im Gedächtnis, bei der der erfolgreiche Kampfflieger Hans-Ulrich Rudel, höchstdekoriert und offener Neonazi, 1976 zu einer Traditionsfeier der Luftwaffe eingeladen wurde. Das kostete nach einem öffentlichen Aufschrei mühselig den verantwortlichen Generalen den Job. Jedenfalls waren verstärkt die faschistischen Verstrickungen auch der Wehrmacht als Vorbild der Bundeswehr in der Diskussion. In den späteren Jahren, nicht zuletzt unter dem Eindruck der beiden großen Wehrmachtsausstellungen (1995, 2001), wurde – bei allen berechtigten wie auch reaktionären Kontroversen – klarer, dass die Wehrmacht mit Schuld beladen und für zahlreiche Verbrechen verantwortlich oder mitverantwortlich war. Den sauberen Wehrmachtssoldaten hatte es nie gegeben.
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Teil 2: Atempause nach dem verlorenen Krieg
Die NVA hat im Unterschied zur Bundeswehr mit der nazistischen Vergangenheit des Soldatentums gebrochen und auf Wehrmacht-Kader weitgehend verzichtet. Warum der Bruch mit Wehrmacht und Nazismus in der Bundesrepublik nicht gelang und welche schwerwiegenden Konsequenzen das noch haben könnte, erklärt der Historiker Stefan Bollinger in seinem zweiteiligen Artikel speziell für RT.

Von Stefan Bollinger
Den ersten Teil der Abhandlung finden Sie hier.
Es brauchte dennoch 36 Jahre, bis eine Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Jahr 2018 einen neuen Traditionserlass herausbrachte. Auch dies nicht ganz freiwillig, denn im Vorjahr waren einige zu „großzügige“ „private“ Traditionspflegeaktivitäten von Militärs ruchbar geworden. Viele mochten sich nicht daran erinnern, dass die Nazizeit keineswegs Traditionen begründen konnte. Bei dieser Gelegenheit war aber auch zu konstatieren, dass es inzwischen eine andere deutsche Armee, die Nationale Volksarmee der DDR gab, die zwar aufgelöst, aber zumindest in den Köpfen der ostdeutschen Neubürger noch präsent war.
Analyse
Wehrmachtwurzel der Bundeswehr – Teil 1: Undankbarer Job des Oberst Collatz
Die Ministerien machten es sich in bester totalitaristischer Manier einfach. Der Erlass würdigte zwar das Verhalten der NVA in der Wendezeit, aber insgesamt lautete der Kern des Traditionsverständnisses: Weder die Wehrmacht noch die NVA, weder Drittes Reich noch kommunistische Diktatur sind traditionswürdig. Der Blick auf den einzelnen Soldaten dieser Armeen ist, wie bereits zuvor, offen für individuelle Abwägungen. Hier kann es natürlich nicht wundern, dass sich meines Wissens nach bislang kein NVA-Angehöriger in einer Traditionsliste wiederfindet.
Tradition verpflichtet – Armee für den Krieg und für den Frieden
Die Traditionspflege ist letztlich immer mit der Frage verbunden, um was für eine Armee mit welchen Auftrag es geht. Die suggerierte, rein militärische Kompetenz und Exzellenz reicht da nicht aus; auch das Proklamieren demokratischer Werte hilft wenig. Das reale Verhalten der Armee, des zuständigen Staates und des Bündnisses ist entscheidend. Und hier waren für die Bundeswehr von Anbeginn die Weichen gestellt. Insofern ist der „Ausrutscher“ der nun zurückgezogenen „Weisung“ weder der schlechten Phantasie eines weltfremden Generalleutnants geschuldet noch der Schlampigkeit seiner Militärhistoriker.
Es war der durchaus intelligente Versuch, mit scheinbar wenig belasteten Namen eine historische Kontinuität der Soldaten beider Weltkriege und des Kalten Krieges herzustellen. Die 25 aufgelisteten Namen von bewährten alten Kriegern liest sich wie das „Who’s who“ der 1956 keineswegs aus dem Nichts gegründeten Bundeswehr, Bundesluftwaffe und Bundesmarine. Für diese Kader gab es keine Stunde Null im Jahr 1945, sondern schlimmstenfalls eine Atempause nach dem verlorenen Krieg.
Manche privatisierten, andere dienten sich mit ihren Erfahrungen bei den Amerikanern und Briten an. Auch gab es jene, die fast nahtlos und mit ihren alten Mannschaften und Ausrüstungen wieder in den – noch verdeckten – Kampf zogen. Dafür ist der spätere Flottenchef der Bundesmarine, Vizeadmiral Hans-Helmut Klose, ein Paradebeispiel. Als Chef der 2. Schnellboot-Schulflottille kämpfte er noch über den Tag der Kapitulation erfolgreich und hielt „Manneszucht“, was schließlich mehreren seiner Matrosen wegen eigenständiger Kapitulation das Standgericht und noch nach (!) Kriegsende den Tod durch Erschießen einbrachte. Zwar war nicht er der „Gerichtsherr“, aber letztlich mitverantwortlich. Dafür diente er sich umgehend dem britischen MI6 und später der Organisation Gehlen an und operierte mit seinen umgerüsteten Schnellbooten in sowjetischen Gewässern vor der Küste der baltischen Sowjetrepubliken, um Spione und Saboteure (heute würden wir sagen: Terroristen) für den Untergrundkampf gegen den Kommunismus zu transportieren. Für ihn fand sich natürlich ein Plätzchen in der Bundesmarine.
Analyse
Wie die USA den deutschen Geheimdienst unter ihre Kontrolle brachten
Die USA wollten mit aller Gewalt das gerade erst zu Boden gedrückte Deutschland – nun auch nur zur Hälfte – als Partner für den neuen noch kalten und vielleicht bald heißen Krieg. Deutsches militärisches Know-how, die Erfahrungen der deutschen Rüstungswirtschaft, das deutsche Menschenmaterial mochten sie sich nicht entgehen lassen. Bei den Westdeutschen, mit Kanzler Konrad Adenauer an der Spitze, stießen sie nicht auf taube Ohren. Auch wenn der Kanzler wusste, dass sein halbes deutsches Volk gründlich die Nase vom Krieg voll hatte und nicht wenige, wie der spätere Bundesverteidigungsminister Franz Josef Strauß, versprachen, dass ihnen lieber die Hand verdorrten solle, als dass sie je wieder eine Waffe anfassen würden. Aber solche Einsichten hielten damals ebenso wenig wie heute.
Klare Feindbilder ließen Adenauer und die neuen demokratischen Bündnispartner schnell einig werden: Schwamm drüber, die noch einsitzenden Kriegsverbrecher freilassen, die Wirtschaft auch mit den alten Führungskräften wieder ankurbeln und den deutschen Militärs vergeben und ihnen Vertrauen geschenkt. Die Bundeswehr sollte, wie der westdeutsche Staat insgesamt, mit den alten Eliten aufgebaut werden. Wer sonst hätte die Erfahrung und seitens des Militärs oder der Geheimdienste auch hinreichend Erfahrungen mit dem Feind, der im Osten stand (und steht)? Und der Feind ist, egal, ob er sich als Kommunist, als Sozialist oder als Friedenskämpfer verkleidet, der Russe; und ebenso sind es seine Unterstützer. Der von Adenauer eingeforderte Preis für die Westintegration, der bereitwillig gezahlt wurde, war die Anerkennung der deutschen Soldaten, idealerweise nicht nur der Wehrmacht, sondern auch der Waffen-SS.
Auch der andere deutsche Staat stand im Jahr 1945 vor dem Problem, wie er aufgebaut werden sollte, wer die Spezialisten sein konnten und wie er geschützt werden kann. Die Kommunisten und Sozialdemokraten der SED pfiffen auf die Unentbehrlichkeit der alten naziverseuchten Eliten und suchten sich junge, unbelastete Arbeiter, Bauern und Studenten, die in „Schnellbesohlung“ zu Volksrichtern, Volkspolizisten und Volksarmisten gemacht wurden. Und es funktionierte!
Meinung
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Trotzdem griff die DDR auf sowjetischen Rat hin auch auf alte Militärs zurück, wohl um die 500. Diese hatten allerdings aus westdeutscher Sicht einen Makel: Sie waren Deserteure, in sowjetischer Gefangenschaft geläutert; sie hatten sich im Nationalkomitee Freies Deutschland gegen Hitler zusammengeschlossen, betrieben für die Rote Armee Propaganda und kämpften gelegentlich auch im Untergrund. Aus Sicht des westdeutschen Staates waren sie alle, noch mehr als die im ersten Jahrzehnt der BRD geschmähten Männer des 20. Juli, tatsächliche Verräter. Wenn bis heute die angebliche NS-Verstrickung von DDR-Generälen und -Offizieren gerne als Entlastungsargument herangezogen wird – es handelt sich um Lügen und Fälschungen. Einer der bekanntesten Generale war Arno von Lenski: nach Stalingrad in sowjetische Gefangenschaft geraten, NKFD-Mitglied, mit Todesstrafe in Abwesenheit und Sippenhaft belegt, nun Chef der NVA-Panzertruppe.
Übrigens hat die DDR ab 1957 schrittweise und konsequent diese alten, vorbelasteten, wenn auch nun dem ostdeutschen Staat ergebenen Militärs in den Ruhestand geschickt.
Für die DDR und ihre NVA galten augenscheinlich andere Maximen für eine Armee, die durchaus das Soldatenhandwerk – auch mit sowjetischer Hilfe – erlernte und dabei nicht schlecht war. Die DDR und ihre Streitkräfte bekannten sich zu einer Friedenspolitik und die NVA – wie übrigens auch die Bundeswehr – hat in der Zeit der deutschen Teilung keinen Krieg geführt, was sowohl der DDR-Führung wie auch den bundesdeutschen Regierungen bis hin zu Helmut Kohl hoch anzurechnen ist.
Allem verbalen Waffenklirren und aller Großmäuligkeit mancher Militärs und einiger Politiker zum Trotz – ein Brandt, Schmidt oder Kohl wusste um die Risiken eines Krieges; sie begriffen, dass ein Krieg auf deutschen Boden das Ende der Deutschen bedeuten würde. Nach dem Anschluss der DDR und dem Wiedererstarken Gesamtdeutschlands als Macht mit Anspruch und Potenzial und im Glauben an die wiedererlangte Normalität hat sich das bekanntlich drastisch geändert. Deutschland ist wieder eine Macht, die Krieg führen können und für den Krieg bereit sein will.
Die NVA fühlte sich den sozialen Emanzipationskämpfen der deutschen Geschichte verpflichtet: dem Bauernkrieg, den Befreiungskriegen, der Revolutionen von 1848/49 einschließlich der Badischen Revolutionsarmee, dem Matrosenaufstand von 1917, der Novemberrevolution, den Interbrigadisten im Spanischen Bürgerkrieg, dem antifaschistischen Widerstand.
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Die in der Bundeswehr aufsteigenden Militärs haben in all diesen Kämpfen, so sie diese erlebten, auf der anderen Seite gekämpft. Und selbst die in der „Erlass“-Liste als traditionswürdige Militärs Genannten sind – bei Anerkennung ihres loyalen Verhaltens gegenüber der Weimarer Republik und ihrer Ablehnung der Nazi-Führung – nicht unproblematisch. Da ist der langjährige Reichswehrminister Generalleutnant Wilhelm Groener, der durch das von ihm als letztem Generalquartiermeister vermittelte Bündnis Eberts mit den Militärs zur blutigen Niederschlagung wesentlicher Teile der Revolution in den Jahren 1918/19 beitrug. Oder der Oberst Eberhard Wildermuth, der als Führer von Tübinger Zeitfreiwilligenverbänden, also Freikorps, auch gegen linke Aufständische in der Nachrevolutionszeit aktiv war.
Sicher kann und muss allen die Chance, die Möglichkeit eines Gesinnungswandels zugestanden werden. Männer wie Groener und Wildermuth erkannten, wenn auch spät, die Gefahren des Faschismus. Aber es bleibt die Frage, wem sich eine Armee und ihre Offiziere und Generale verpflichten – in ihrer Gesamtheit, aber sicher auch in konkreten Konflikten. Eine Reminiszenz sei noch gestattet. Die Matrosen, die noch nach dem 8. Mai 1945 erschossen wurden, haben ihren Platz in der Traditionsarbeit der NVA und der Volksmarine gefunden und wurden Namensgeber von Schnellbooten. Ihr Schicksal und das Handeln ihrer Vorgesetzten, letztlich von Mördern und deren Helfern, hat das DDR-Fernsehen in den 1970er-Jahren in einem Fünfteiler gewürdigt: Der Film „Rottenknechte“ dokumentiert das Schicksal dieser letzten Weltkriegsopfer ebenso wie den nahtlosen Übergang eines Klose in den neuen Krieg.
Trotzdem, wer kriegstüchtig werden will, braucht die geeigneten Militärs, eine Ideologie und er muss vergessen machen, wofür die ganze Phalanx dieser neuen Helden eingetreten war – gegen Demokratie, gegen die Linke, gegen die Sowjetunion, gegen die antifaschistische Anti-Hitler-Koalition. Denk ich an Deutschlands neue Helden, so bin ich einmal mehr um den Schlaf gebracht.
Über den Autor: Dr. sc. Stefan Bollinger arbeitet zur Geschichte der DDR und der BRD, zur osteuropäischen Geschichte und zu den Zusammenhängen von Ideologie- und Politikgeschichte. Autor vieler Bücher und Publikationen. Sein letztes Buch „Die Russen kommen! Wie umgehen mit dem Ukrainekrieg? Über deutsche Hysterie und deren Ursachen“ erschien im Jahr 2022.
https://de.rt.com/inland/215896-wehrmachtwurzel-bundeswehr-teil-2-atempause/